Gedenken zum Volkstrauertag in Witterschlick am 18.11.2018

Von links: Jörg Freynick, Miriam Clemens, Dr. Rolf Schumacher, Thomas Funk
Von links: Jörg Freynick, Miriam Clemens, Dr. Rolf Schumacher, Thomas Funk

Auf Einladung von Thomas Funk, stellv. Vorsitzenden des Ortsausschusses Witterschlick, hielt Miraim Clemens, Vorsitzende der FPP-Alfter, eine Ansprache auf der Gedenkfeier zum Volktrauertag auf dem Witterschlicker Friedhof.

 

"Unsere gemeinsame Erinnerung am Volkstrauertag an die Millionen Toten muss eine persönliche Aufforderung an uns alle sein, täglich den Weg des Friedens zu gehen."

 

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
sehr geehrter Herr Dr. Schumacher,
sehr geehrte Mitglieder des Gemeindesrates,
sehr geehrte Mitglieder des Landtags,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst bei Ihnen allen bedanken, dass Sie der Gedenkveranstaltung zum heutigen Volkstrauertag beiwohnen. Danksagen möchte ich ebenfalls dem Ortsausschuss Witterschlick, der die heutige Gedenkveranstaltung wie in jedem Jahr organisiert hat, sowie auch allen Vereinen, die durch ihre Teilnahme und durch ihre Beiträge den heutigen Vormittag gestalten.

 

Wir Gedenken heute der Soldaten, der Kinder, Frauen und Männer aller Völker, die in den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts ihr Leben verloren haben. Gedenken möchte ich darüber hinaus auch allen Opfern von Kriegen, Gewaltherrschaften und Terrorismus, dieses Jahrhunderts.

Trauer und Gedenken können in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht verordnet werden. Der staatliche Volkstrauertag mit seinem Gebot des stillen Gedenkens löst bei manch einem lediglich Achselzucken aus. Schließlich kann niemand dazu gezwungen werden, wann und in welcher Form er sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Ich persönlich verstehe den Volkstrauertag als eine Einladung des Staates an alle Bürgerinnen und Bürger, sich mit den dunkelsten Kapiteln unserer jüngeren Geschichte zu befassen und darüber nachzudenken, was die unzähligen Kriegstoten und Gewaltopfer, derer wir an diesem Tag gedenken, uns für die heutige Zeit und die Zukunft lehren können.

 

Meine Damen und Herren,

100 Jahre liegt das Ende des Ersten Weltkriegs in diesem Monat zurück. In dieser „Urkatastrophe“ des letzten Jahrhunderts mit seinen mörderischen „Ausblutungsschlachten“ fanden fast 10 Millionen Soldaten, sowie 9 Millionen Zivilisten, Kinder Frauen und Männer einen grausamen Tod, weitere 20 Millionen Soldaten wurden verwundet und blieben fürs Leben an Körper und/oder Seele gezeichnet.

Der Volkstrauertag wurde als Gedenktag für die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges auf Vorschlag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeführt. Die erste feierliche Gedenkstunde fand 1922 im Deutschen Reichstag in Berlin statt. Dabei rief der Reichstagspräsident Paul Löbe eindringlich zur Abkehr von Hass auf und warb für Versöhnung und Frieden. Doch die Entwicklung war eine andere.

 

Knapp 21 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs stürzte das nationalsozialistische Deutschland mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Welt in den Zweiten Weltkrieg. Neben der Verfolgung und Ermordung politisch Andersdenkender und Regimegegner verübten die Nazidiktatur und ihre Anhänger nicht nur in Deutschland, sondern europaweit unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegenüber ethnischen, religiösen und anderen Gesellschaftsgruppen. Während des historisch beispiellosen Holocaust wurden 6 Millionen europäische Juden, etwa 500.000 Sinti und Roma, sowie etwa 100.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, ermordet. Während des Zweiten Weltkrieges fanden etwa 65 Millionen Menschen, Soldaten, Kinder, Frauen und Männer auf grausame Weise den Tod.

Auch Witterschlick blieb im Zweiten Weltkrieg nicht verschont. Am sog. „Schwarzen Tag von Witterschlick“, dem 04. Februar 1944 wurde der Ortskern von Witterschlick, ebenso wie teilweise Häuser in Volmershoven-Heidgen bei einem Bombenabwurf eines englischen Geschwaders über dem Kottenforst, bei dem ein Teil der Ladung beide Ortschaften traf, schwer beschädigt. Bei dieser Katastrophe kamen neun Menschen ums Leben, darunter zwei Kinder, die von ihrer Familie bei einer Familie in Witterschlick in Pflege gegeben wurden, weil man sie hier in Sicherheit glaubte. Neben Wohnhäusern wurde ebenfalls die Witterschlicker Kirche bis auf den Kirchturm zerstört, dessen Uhr jahrelang auf 12:40 Uhr stand.

 

Meine Damen und Herren,

heute stehen wir hier und tragen Trauer. Wir stehen aber auch hier im vermeintlichen Gefühl des Friedens. Für meine Generation ist ein Leben in Frieden Selbstverständlichkeit. Krieg und Vertreibung sind für uns Geschichten der Groß und Urgroßeltern. Mit dem Gefühl von Frieden als Selbstverständlichkeit konnten wir nur aufgrund des großartigen Projektes Europa aufwachsen. Die Europäische Union ein Geflecht aus Mitgliedsstaaten, aus Freunden, die aus den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts gelernt haben. Europa ist nicht nur ein Projekt, dass uns Wohlstand, sondern den meisten Europäern seit mehr als 70 Jahren Frieden beschert.

 

Doch das vermeintliche Gefühl, die Selbstverständlichkeit des Friedens ist nur auf den ersten Blick wahr. Es gibt Teile meiner Generation, die nicht in Deutschland und Europa, nicht in Frieden und Freiheit aufgewachsen sind und leben. Viele Menschen sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Opfer von Terror, Gewalt, Krieg und Vertreibung geworden. Wir haben dies nicht unmittelbar, jedoch mittelbar vor den Toren Europas, im Nahen Osten und Afrika erlebt. Viele dieser Menschen sind nach Europa und auch zu uns nach Deutschland gekommen, um hier sicher leben zu können. Auch in der Gemeinde Alfter und hier in Witterschlick geben wir Menschen die vor Terror, Gewalt und Krieg geflüchtet sind eine neue Heimat. Vielleicht nicht für immer, aber wir können diesen Menschen unsere liberalen Werte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, ein friedliches Miteinander und Toleranz für den späteren Wiederaufbau ihres Heimatlandes, vermitteln.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Geschichte widerholt sich nicht. Der Volkstrauertag ist nicht nur ein Tag des Gedenkens mit Blick auf die Vergangenheit, sondern wir sollten mit den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts unseren Blick in die Zukunft richten. Mit Blick auf die Vergangenheit sollte uns allen schmerzlich bewusst werden, wo Abschottung, Populismus, Nationalismus, Faschismus und Extremismus hingeführt haben. Führt man sich dies vor Augen, sollte der Blick auf die aktuelle politische Entwicklung insbesondere in Europa und auch in der Welt Beunruhigung auslösen.

 

Rechtspopulistische Parteien in Deutschland und Europa setzen auf Nationalismus, Protektionismus und Abschottung, sind mit dieser Form der Politik auf dem Vormarsch und erhalten zunehmend Bestätigung an den Wahlurnen.

Plötzlich wird das Projekt Europa in Frage gestellt und die Europäische Union steckt in einer Krise. Der verbündete und die Schutzmacht USA wendet sich unter der Führung von Donald Trump von Europa ab, setzt auf Abschottung und Protektionismus. Wir befinden uns in einem Handelsstreit mit den USA. Großbritannien verlässt nach derzeitigem Stand im März nächsten Jahres die Europäische Union, es herrscht Uneinigkeit der Mitgliedsstaaten in der Flüchtlings- und Finanzpolitik um nur einige Streitpunkte zu nennen.

 

Politiker, sowie Staatsbürger der Europäischen Union haben zum Teil vergessen, dass Europa nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft ist, sondern allem voran dahinter das Versprechen, Frieden, Freiheit und Wohlstand steht, auf einem Fundament aus Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und kultureller Vielfalt, dass Kriege zwischen uns verhindern soll. Das meine Damen und Herren ist unsere gemeinsame europäische Identität. Eine Identität die Souveränität und damit wieder Handlungsfähigkeit schaffen sollte.

Es wird Zeit, dass wir Europäer uns wieder mit dem Bewusstsein uneingeschränkt zusammenschließen, dass wir aus unserer Geschichte für das stetige friedliche Zusammenleben aller Menschen eine gemeinsame historische Verantwortung haben. Genau dieses Bewusstsein hat ein Modell von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie geschaffen, die Europäische Union in der seit mehr als 70 Jahren eine friedliche Koexistenz von Menschen möglich ist. Die zentrale Botschaft lautet deshalb: Europa ist eine Friedensmission, gewachsen aus der gemeinsamen historischen Verantwortung.

 

Unsere gemeinsame Erinnerung am Volkstrauertag an die Millionen Toten muss eine persönliche Aufforderung an uns alle sein, täglich den Weg des Friedens zu gehen. Frieden und Freiheit meine Damen und Herren sind keine Selbstverständlichkeit. Das Eintreten für Frieden in Freiheit muss jedoch für jeden Einzelnen zur Selbstverständlichkeit werden, in der großen Perspektive der Weltpolitik, ebenso wie im kleinen Rahmen unseres täglichen Lebens!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.